Progetto Comenius

L'Europa nella nostra città

Europa in unserer Stadt – Spurensuche § Europe dans notre ville – chercher des traces

 

Deutsche Familien in Neapel

Berncastel

Nunzia Amirante

Marina Campenni

Loreley Luise

Debora Pepe

Altes Bild der Deutschen Apotheke aus dem Ende des 19. Jahrhunderts

Die ersten Spuren einer Deutschen Apotheke in Neapel gehen auf das Jahr 1839 zurück, als Nicholas Berncastel eine schon existierende Apotheke in der Strada bzw. Largo S. Francesco di Paola (heute Piazza Carolina) von einem gewissen Herrn Brancati kaufte. Nicholas stellt gleich danach den zuständigen Behörden des damaligen „Königreichs beider Sizilien“ einen Antrag, die Apotheke auf seinen Namen führen zu dürfen und bittet um die Erlaubnis „manche ausländische Medikamente“ verkaufen zu können.

Nicholas war aus seiner Heimatstadt Trier zusammen mit zwei Neffen und einer Nichte nach Neapel ausgewandert. Mit ihnen und seiner italienischen Frau, Teresa Fontanella, teilte er bis zu seinem Tode die Wohnungen zuerst in der Via Egiziaca, später in Vico S. Spirito di Palazzo, beide ganz in der Nähe der Apotheke.

Nicholas, der zweite von vier Geschwistern, stammte aus einer jüdischen Familie. Sein Vater, Lion Nathan Berncastel (1770-1840), hatte Medizin in Berlin und Jena studiert, war dann als Arzt in verschiedenen Städten tätig gewesen und kehrte 1798 nach Trier zurück, wo er als Chirurg und Geburtshelfer arbeitete. Er gehörte zum gebildeten Bürgertum seiner Stadt, war Vorsteher der jüdischen Gemeinde, verfasste zahlreiche Artikel zu Themen der Medizin und Hygiene und versuchte erfolglos die Ideen der Aufklärung in Trier zu verbreiten. Dank eines sehr merkwürdigen Zufalls wohnte er gleich neben dem Advokat Heinrich Marx, mit dem er auch befreundet war, und assistierte 1818 bei der Geburt dessen berühmten Sohns Karl Marx. Lion Nathan hatte vier Kinder: Wilhelmina Mariane (geb. 1803, das ist die im Nicholas Testament erwähnte Schwester „Mina“), Nathan (1805), Abraham (1807-1877) und Moses. 1830 trat Lion Nathan zum Katholizismus über und änderte seinen jüdischen Vornamen in Andreas Josef Lion. Dasselbe taten auch die Söhne Nathan und Abraham, die seitdem jeweils Nicholas und Albert hießen.  

Arzt war auch der Mann von „Mina“, Hubertus Markus (Mayer) Levy, der nach der Ehe den Familiennamen seiner Frau, also Berncastel, übernahm. Hubertus und Mina hatten sechs Kinder, drei von ihnen, Ernest (geb. 1830), Lena (1831) und Joseph (1835), aus uns unbekannten Gründen, folgten dem Onkel Nicholas nach Neapel. Hier wurden gleich ihre Namen jeweils als Ernesto, Lina und Giuseppe italienisiert.

Ernst Försters "Handbuch für Reisende in Italien" (München 1848) erwähnt die "deutsche (preußische) Gesandtschafts-Apotheke von Berncastel, Largo S.Carolina", was auf einen Zusammenhang der Gründung der Apotheke mit der preußischen Gesandtschaft hinzuweisen scheint. Preußen unterstützte finanziell auch ein Krankenhaus in Neapel (das heutige „Ospedale Internazionale“ in der Via Tasso), dem Nicholas in seinem Testament 100 Dukaten schenkt.

Ernesto und Giuseppe helfen ihrem Onkel in der Geschäftsführung, der Lieblingsneffe Nicolas scheint aber der ältere der beiden zu sein. Kurz vor seinem Tod (1856) verfügt er im Testament, dass Ernesto die Apotheke hätte erben sollen, falls die Brüder, zu seinem Bedauern, sich über eine gemeinsame Führung nicht geeinigt hätten. Tatsächlich streiten sich die beiden und Giuseppe klagt Ernesto vor Gericht an, sein Bruder hätte heimlich sogar Waren aus der Apotheke entnommen.

Die Deutsche Apotheke war ein wichtiger Bezugspunkt für viele deutsche Neapel-Reisende. So berichtet 1853 Ferdinand Gregorovius von einem Ausflug auf dem Vesuv: „Herr Berncastel zeigte mir auch die Stelle, wo beim Ausbruch von 1847 ein Amerikaner und ein Deutscher ums Leben kamen“; der Zoologe Ernst Haeckel 1859 und der Mathematiker Leon Koenigsberger 1869 erwähnen auch Berncastel in ihren Reiseberichten.

Auch dem Wunsch Nicolas, Ernesto solle ein „sittliches deutsches Mädchen“ heiraten, ging der Neffe nicht nach, er nahm nämlich Marianna Alinei, eine Neapolitanerin, zu seiner Frau. Sie hatten einen Sohn, Salvatore, der am 9.1.1868 geboren wurde. Der Bruder Giuseppe heiratete Margherita Hauschild (Dresden 1841-Neapel 1914), Tochter des Malers Max Hauschild (Dresden 1810-Neapel 1895) und voni Cecilia Friedländer. Ihre Tochter Maria Marta heiratete am 16.6.1915 Eduardo Gabrielli, und das ist die letzte Nachricht, die wir über ein Familienmitglied der Berncastel in Neapel haben. Neulich haben wir erfahren, dass zu Ehre einer der Töchter von Maria Marta, Margherita Gabrielli, eine Stiftung gegründet wurde.

Am 20.8.1887 gründete Ernesto zusammen mit Luigi Santoro eine Gesellschaft zur gemeinsamen Führung. Er stirbt aber knapp zehn Tage später, damit endete für die Apotheke die „Berncastel-Zeit“ und Santoro leitete sie seitdem allein. Aus einem alten Werbungsblatt erfährt man, dass die Apotheke u.a. auch Präparate zur Mumifizierung von Leichen herstellte.

Nicola Berncastels Antrag (1839)

Erste Seite Nicolas Testament (1856) 

 

 

Alte Wappen an der Decke der Apotheke

Ernestos Antrag (1856)

Rezeptblatt aus den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts

 

Der Eingang zur Apotheke heute